Konzerte, Partys, Theater, Ausstellungen und Werkstätte unter einem Dach - diese Vision verwirklichen fünf junge Männer im alten Güterbahnhof. «Kultur am Gleis» (Kugl) heisst das ehrgeizige Projekt. Zeitgleich entsteht an der Haldenstrasse ein neues Rümpeltum.
Melissa Müller
Neue junge Kulturräume braucht die Stadt - und die bekommt sie schon in nächster Zeit. Initiative Köpfe sind im ehemaligen Cargo Domizil an der Arbeit; einige von ihnen gehören zu den ehemaligen Betreibern des fast schon legendären, aber nie «offiziell» gewordenen Kulturraums «Garage» in der Mülenenschlucht. Dani Weder, Samuel Gersbach, Christian Engesser, Bill Ender und Michael Schuhmacher werken und planen oft länger, als der durchschnittliche Arbeitstag dauert - ohne Entgelt. «Wir bluten schon alle», grinst Samuel Gersbach.
Mit ihrer Idee von einem «All-Inclusive-Kulturraum», in dem von der Vernissage über das Konzert bis hin zur Werkstatt fast alles möglich ist, trafen die jungen Männer einen Nerv der Stadt und gewannen auf Anhieb neue Mitstreiter. Inzwischen ist das Projekt weit gediehen: Die Baueingabe ist abgesegnet, der Budgetplan erstellt, und die Bauarbeiten sind bereits in Gang. Handwerker stellen in diesen Tagen schalldichte Grundwände auf, die von einem ausgedienten Expo-Pavillon stammen. Planmässig soll das «Kugl» im kommenden Frühjahr eröffnet werden.
Am Eingang erklärt Bill Ender die Struktur der teils zweistöckig geplanten Halle anhand eines Modells: hier das Foyer mit Kasse, Garderobe und Rollstuhlrampe, da die Chillout-Zone mit Galerie, dort die Konzert- und Theaterbühne. Ein wichtiger Punkt im Konzept sind zwei lange Bars aus Metall. Veranstalter profitieren von der Möglichkeit, die Halle zu mieten und die Hauptbar auf eigene Rechnung zu betreiben. Davon ausgenommen ist lediglich ein kleiner Teil des Eingangsbereichs, wo die «Kultur am Gleis»-Leute selber eine kleine Bar führen - dort kann man sich dereinst einen Drink genehmigen, ohne Eintritt bezahlen zu müssen. Gesamthaft wird die Halle 450 Besucher fassen können. «Mit dem Umsatz finanzieren wir Personalkosten und Neuanschaffungen», sagt Dani Weder. «Zusätzlich wollen wir mit einem Kulturprozenten Musiker und andere Künstler unterstützen, damit auch Low-Budget-Projekte möglich werden.»
Auch an einer anderen Ecke der Stadt rumort es subkulturell: An der Haldenstrasse 23, hinter dem Swisscom-Komplex, hat ein zwölfköpfiger Verein einen dreistöckigen Hausteil gemietet. Hier entsteht das neue Rümpeltum, ein improvisierter Treffpunkt mit Jam-Sessions, Konzerten, Küche sowie Workshops für Batik, Lyrik, Stricken und Steineschleifen. Bis im Frühling wird die «Bude» renoviert, werden Wände herausgerissen und Decken isoliert. Im dritten Stock siehts schon ganz gemütlich aus. Die Wände sind bunt bemalt, ein alter Kronleuchter baumelt von der Decke. Eine Gruppe Frauen und Männer sitzt auf einer Sofa-Landschaft und diskutiert. «Punks» werden sie von vielen genannt, dabei empfinden sie sich nicht als Punks - und auch nicht als Hippies. «Freaks» treffe schon eher zu, lacht einer.
«Zeigt eure Zähne!» hat jemand auf eine alte Tür geschrieben. Kein Wunder, denn seit dem Abbruch des roten Hauses an der St. Leonhardsbrücke kämpften diese Leute beharrlich für ein neues Rümpeltum. Dabei gab es etliche Hürden zu bewältigen. Geschlagene acht Monate wartete man auf die Baubewilligung, bezahlte Miete, ohne loslegen zu können. Dann gabs Ärger mit Nachbarn, die Vorurteile hatten. «Die dachten allen Ernstes, es gäbe hier einen neuen Platzspitz», schüttelt Rahel den Kopf. Das Gegenteil sei der Fall: Es soll Besucher geben, die im Rümpeltum ihren Alkoholkonsum minimiert und andere, die dem Kokain abgeschworen haben. «Wir sind aber weder Hotel noch Auffangstation», stellen Rahel und Nik klar. Vielmehr sei das Rümpeltum ein Ort der Subkultur. Dass sie umsonst arbeiten, ist für die «Freaks» zweitrangig; ihnen geht es nicht um Profit. «Ich war so froh um das alte Rümpeltum», ruft Uli begeistert. «Der Lohn der Arbeit ist, dass es weiter geht.»
Kugl präsentiert sich heute Samstag mit Infostand vor dem Rösslitor. Rümpeltum-Benefizparty: 13. 12. in der Grabenhalle www.rumpeltum.ch