Rumpeln in der Baustelle

Augenschein im neuen Rümpeltum

Vorbei an den Neubauten der Raiffeisen-Bank im Bleicheli, wo die «Frohegg» war und jetzt Geld verwaltet wird, hinauf zur Haldenstrasse. Dort, an der Ecke zur Wassergasse, befindet sich das neue Rümpeltum. Die Besetzer sind im Ansatz ruhiger geworden - oder überlegter. Vor Jahren, als sie das leer stehende Restaurant Bavaria besetzten, fuhr die Polizei volles Programm auf. Die Besetzer bekamen die Härte des Rechtsstaates zu spüren: Zwei Jahre Bewährung wegen Hausfriedensbruch, Hinderung einer Amtshandlung, Gewalt und Drohung gegen Beamte, Sachbeschädigung, Landfriedensbruch.

Jetzt sind die Besetzer Mieter. Von der Stadt haben sie für das Projekt, kulturellen Freiraum schaffen zu wollen, einen einmaligen Unterstützungsbeitrag von 15 000 Franken erhalten.

Die Preisverleiherin

Ein Zettel an der Tür sagt: «Willkommen. Hänger und Schmarotzer ausgeschlossen.» Drinnen ist Baustelle und kaum ein Durchkommen. Isolierplatten stapeln sich, es sammelt sich Staub auf Tischen und Lampenschirmen, die warten, montiert zu werden. Das hier soll die Bar werden. Im ersten Stock sitzen Nik und Juli. Er hat eine Lehre als Maurer angefangen und seit dem ersten Rümpeltum voll dabei. Sie absolvierte den Vorkurs, arbeitet jetzt temporär und will, dass das Rümpeltum ein Freiraum wird, wo man sich ausleben kann und nichts des Geldes wegen macht. «Der Lohn ist das Rümpeltum», sagt sie und streichelt ihren Hund, einen Schnauzer namens Johnny Lee Huber. Die beiden sitzen im Konzert-raum, trinken Fruchtsaft, essen Bio-Vital-Biscuits, rauchen selbst Gedrehte. Es verabschiedet sich eine ältere Dame, die bittet, nicht genannt zu werden. Gekommen ist sie, um Einzelheiten zu besprechen: Die Rümpler bekommen demnächst einen Preis. Sogar der Stadtpräsident sei zur Feier eingeladen, sagt die Dame, bevor sie verschwindet.

Autonom reguliert

Wer die Vision einer anderen, anti-kapitalistischen Gesellschaft in St. Gallen zu leben versucht, in der Stadt mit der Wirtschafts-Uni, wo sie Kapitalisten heranbilden, der kriegt zwar vielleicht sogar mal einen Preis und eventuell dadurch Besuch vom Stadtpräsidenten, der hat es aber trotzdem nicht leicht: Es genügt eine unbewilligte Demonstration, damit Politiker ein Vermummungsverbot fordern und damit Erfolg haben. Bald können Polizisten Menschen von öffentlichen Plätzen wegweisen, weil das Verhalten dieser Personen nicht vereinbar sei mit der öffentlichen Ordnung. Damit sind vor allem die Punks gemeint, die am Bahnhof sitzen, Bier trinken und um Stutz betteln. In der Stadt hoffen viele, dass die Punks verschwinden, wenn das Rümpeltum nächstes Jahr eröffnet wird. Das Wegweisungsrecht dürfte diese Situation verschärfen, denn es zielt direkt auf die Jugendlichen dort. «Wir befinden uns in einer Zwickmühle», sagt Juli. Das Rümpeltum solle kein Ort werden, an dem nur konsumiert wird, wie an anderen Orten in der Stadt. Hier soll man sich den Ausgang nicht kaufen, sondern leben und gestalten. Sie nervt sich ab dem Gedanken, eine private Gassenküche sein zu sollen. «Hier sollen Ideen umgesetzt werden.» Ein Freiraum für schnelle, spontane Umsetzungen: Konzerte, Theater, Ausstellungen, Workshops ... Eine Szene, die niemanden ausgrenzen will, wird aber damit konfrontiert, dass auch sie Regeln braucht, um zu funktionieren. Im Rümpeltum heisst eine Regel: Alle sind willkommen, die anderen gegenüber offen sind. Man soll mithelfen. Anpacken. Ideen einbringen. «Kultur muss nicht viel kosten, wenn man sie selber macht. Wir wollen eine Plattform sein für Leute, die wenig Kohle haben», sagt Juli.

Lüftungssystem

«Es liegt noch viel Arbeit vor uns», sagt Nik, der im ersten Stock des Hauses das Büro des Strassenmagazins «Surprise» betreibt. «Am Sonntag hatten wir unser erstes Konzert, das war gut», sagt er. Der Raum ist aufwendig isoliert, die Fenster werden an Konzerten mit dicken Matten zugestopft. Im zweiten Stock entstehen Küche, Stube, Schlafraum, Aufenthaltsraum für Bands. «Ach ja, die Auszeichnung», sagt Nik. Er dürfe noch nichts sagen. Der Preis werde investiert in ein Lüftungssystem. Jetzt, wo man offizieller Mieter sei, müsse man sich plötzlich mit Vorschriften und Bewilligungen herumschlagen und am Ende komme die Stadt, um das Okay zu geben. Juli: «Wir hatten lange das Problem, dass wir nicht ernst genommen wurden. Vielleicht ändern sich einige Ansichten, wenn man sieht, was wir hier machen und was sich daraus alles entwickeln kann. Wir sind dran. Freiraum kommt.»   Daniel Ryser

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