Kontrapunkt gegen die Verkrustung

«Bedeutung der Nischenkultur für die Stadt St. Gallen»: Auszug aus dem Referat des städtischen Kulturbeauftragten André Gunz anlässlich der Verleihung des Dietschweiler-Preises an den Verein Rümpeltum.

Zuerst müssen wir uns versichern, ob wir das Gleiche meinen, wenn wir von «Nischenkultur» sprechen. Verwirrung ist nicht zuletzt dadurch entstanden, dass vor allem in Deutschland heute unter «Nischenkultur» alles verstanden wird, was als Gegenstück zum so genannten «Mainstream» oder zur «Repräsentationskultur» dient.

Bei «Rümpeltum» und ähnlichen Projekten geht es nicht allein um eine Alternative zu Hochkultur wie Opernhaus und Stadttheater, sondern auch um den Versuch, den Konventionen unserer Gesellschaft einen völlig anderen Lebensentwurf entgegenzustellen. Ich würde sie unter den Begriff der «Subkultur» stellen, wäre da nicht der Einwand, in der postmodernen Gesellschaft des «Anything goes» könne es gar keine Subkultur mehr geben.

Gescheiterte Versuche

Ganz neu sind die hinter dem Projekt «Rümpeltum» stehenden Ideen allerdings nicht. Ich möchte an zwei Entwicklungslinien erinnern. Die erste hat ihren Ausgangspunkt bei der klassisch sozialdemokratischen Kulturpolitik der 80er-Jahre, die unter den Schlachtrufen «Kultur für alle» oder «Bürgerrecht Kultur» stand. Darin waren zwei Hauptforderungen enthalten: Zugang für alle Leute, auch für weniger einkommensstarke, zu den Angeboten der Kultur. Und Forcierung der Kulturanimation. Dahinter steckt die Idee, dass es zur Persönlichkeitsentwicklung nicht genügt, kulturelle Produktionen zu konsumieren, sondern dass jeder Mensch ein kreatives Potenzial besitzt und dieses ausschöpfen sollte. Diese beiden Forderungen wurden in der Folge mit der Begründung beiseite geschoben, auch die Kultur könne sich der allgemeinen Ökonomisierung nicht entziehen. Die angestrebten Kulturzentren, die jedermann die Möglichkeit geben sollten, seine Kreativität auszuleben, wurden als «Bastelstuben» disqualifiziert. Das Interesse konzentrierte sich zunehmend auf die so genannten kulturellen «Leuchttürme», die Medienbeachtung und Standortvorteile versprachen. Der «Subkultur» ging es nicht viel besser. Projekte, die auf Autonomie und Eigenverantwortung pochten, gingen - auch in St. Gallen - in einem Strudel von selbstzerstörerischen Tendenzen und von Feindseligkeiten der Mehrheitsgesellschaft unter. Von der öffentlichen Hand angebotene Ersatzhäuser fanden beim «Zielpublikum» keine Akzeptanz. So liess man es halt bleiben - angesichts der damit verbundenen Schwierigkeiten wahrscheinlich nicht ungern.

Eine zentrale Forderung

Vor gut fünf Jahren tauchten in St. Gallen erstmals wieder energische Forderungen nach einem «Autonomen Kulturkraftwerk» (AKW) auf. Verlangt wurde ein «Wohn-, Kultur-, Le- bens-, Freizeit-, Gestaltungsraum an der Wärme für Jung und Alt ohne Konsumzwang und aufdiktierte Regeln». Ich gebe zu, dass ich zuerst versucht war, die Aktion unter dem Stichwort «Nostalgie» abzubuchen. Mir ist aber klar geworden, dass es hier um zentrale Forderungen geht. Auch im «Kulturbericht» der Stadt ist zu lesen, die Kulturpolitik habe dafür zu sorgen, «dass ein möglichst grosser Teil der Bevölkerung» am Kulturleben teilnehmen könne. Die Bevölkerung solle nicht nur Gelegenheit erhalten, qualitativ hoch stehende kulturelle Produktionen zu geniessen, sondern auch selber kulturell aktiv werden können. Die Kulturförderungsstellen - und da steht die Stadt nicht allein - müssen selbstkritisch einräumen, dass in dieser Hinsicht noch nicht viel erreicht und vielleicht auch zu wenig unternommen wurde. Das Setzen eines Kontrapunkts gegen die uneingeschränkte Wachstums- und Leistungsgesellschaft, gegen die Professionalisierung und Kommerzialisierung aller Ideen und Kulturformen ist nicht nur für die Jugend wichtig, sondern auch für die Gesellschaft selber, sofern sie nicht verkrusten will. Dass es gelegentlich zu Exzessen kommt, spricht nicht gegen den grundsätzlichen Befund.

«Kultur für alle» unterstützen

Was bedeutet dies für die Stadt und ihre Kulturpolitik? Es braucht keine völlige Neuorientierung. Wir sollten aber stärkeres Gewicht auf die Umsetzung der Ziele «Zugang zur Kultur für alle» und «Kulturanimation» (also selber aktiv werden, nicht nur konsumieren) legen. Da eigene Angebote der Stadt wenig Akzeptanz finden, geht es vor allem um finanzielle und ideelle Unterstützung, wobei es sich hier in aller Regel um «low budget»-Projekte handelt. Besondere Beachtung verdienen unter diesem Gesichtspunkt: Soziokulturelle Angebote, die auch Menschen mit wenig Bildung und wenig Geld zu eigenem kreativen Tun ermutigen. Veranstaltungen für Leute mit schmalem Portemonnaie - die Förderungspraxis darf nicht Projekte benachteiligen, die mit bewusst niedrigen Eintrittspreisen kalkulieren. Sowie kulturelle Projekte, die der Integration von Randgruppen und Menschen aus anderen Kulturkreisen dienlich sind.  André Gunz

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